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Fast jeder Pfarrer wird bestätigen, dass es vor allem im nebenamtlichen Dienst zunehmend weniger Organisten gibt. Oft können Werktagsmessen nicht musikalisch begleitet werden. Sicher schreckt der Wochenenddienst genauso ab wie das schlechte Image der Kirchen. Als Organist und Musikpädagoge frage ich mich allerdings auch, wie ich meinen Unterricht für Orgelschüler attraktiv gestalten kann. 

Eine Umfrage, die Sven Scheuren durchführte, hat gezeigt, dass die Orgelschule von Ernst Kaller immer noch das am häufigsten verwendete Unterrichtswerk ist. Jeder Musikverleger spekuliert darauf, dass ein einmal eingeführtes Unterrichtswerk sich über Generationen im Verlagsprogramm hält, da viele Lehrer mit ihren Schülern genau das Heft durcharbeiten, nach dem sie selbst gerlernt haben. In diesem Fall ist die Rechnung offenbar aufgegangen, sonst ist kaum erklärbar, warum ein methodisch wie didaktisch miserabeles Opus noch immer in Gebrauch ist.

Viele Unterrichtswerke verursachen schon Verwirrung bei den Einstiegsvorraussetzungen. Oft sind elementare Übungen für Umsteiger vom Klavier (was ja der Normalfall ist und sein sollte) technisch wie musikalisch zu simpel, für echte Anfänger aber zu schwierig. Außerdem sollte bedacht werden, dass Schüler nicht mehr ohne weiteres eine Etüde nach der anderen üben. Der "fun-factor" spielt auch beim Orgelspiel eine Rolle.  

Die Ansprüche an Repertoire und stilistisch einwandfreies Orgelspiel sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Es ist sicher nicht mehr zu vertreten, wenn Bach wie Reger und Frescobaldi wie Franck gespielt wird. Nur wenige Orgelschulen zeigen sich stilistisch vielfältig und die von mir hochgeschätzte Orgelschule zur historischen Aufführungspraxis von Jon Laukvik ist in erster Linie eine Stilkunde und kein Unterrichtswerk. 

Für mich heißt das, dass ich auf eine Orgelschule verzichte und für jeden Schüler ein neues Repertoire zusammmenstelle. Neben einigen grundlegenden Pedalübungen halte ich es für wichtig, dass gleich zu Beginn ernsthaft Musik gemacht wird. Manualiter Stücke gibt es genug, z.B. englische Trumpet Tunes, Choralvorspiele etc. 

Jeder Schüler bringt andere Vorraussetzungen und Zielvorstellungen mit. Nicht jeden Schüler muss ich mit anspruchsvollem Repertoire in eine Aufnahmeprüfung schicken. Das Grobziel des Unterrichts sollte gleich zu Beginn geklärt sein (Orgelspiel zum Spaß, einfache Gottesdienstbegleitung, C-Kurs, Aufnahmeprüfung für ein Musikstudium).

Leichte Orgelstücke gibt es aus allen Epochen. Mir ist wichtig, dass auch im Anfangsstadium Musik von der Renaissance bis zur Moderne vorkommt. So kann der Schüler später selbst entscheiden, was er am liebsten spielt. Repertoireentscheidungen sollten wirkliche Entscheidungen sein, die in Kenntnis der gesamten Orgelliteratur getroffen werden. 

Habe ich alle Literaturbereiche berücksichtigt? Vielleicht kann ich einem Schüler, der auf dem Klavier viele Stücke der Wiener Klassik gespielt hat, den Einstieg mit einem Orgelstück von Justinus Heinrich Knecht erleichtern. 

Orgelspiel muss nicht immer "kirchlich" sein! Vergessen wir nicht, dass die Orgel auch ein Konzertinstrument ersten Ranges ist. 

Bei der Vielzahl verschiedener Orgeln und Interpretationen können CDs eine gute Orientierungshilfe sein. Wenn ein Schüler gerade Vierne übt, kann eine gute Aufnahme einer Cavaille-Coll-Orgel die Klangvorstellung schulen, auch wenn das Unterrichtsinstrument den gewünschten Klang nicht hergibt. Ich verleihe meine CDs gerne und habe bis jetzt auch immer alle zurückbekommen ;-)

Ein anderes Instrument kann inspirierend wirken und gewöhnt den Schüler an die unterschiedlichen Orgelspieltische. Kann ich meinen Unterricht gelegentlich in eine andere Kirche verlegen? 

Wenn diese Stichworte die eine oder andere kleine Anregung für den Orgelunterricht geben könnten, wäre ihr Zweck erfüllt.

Viel Freude beim Spielen und Unterrichten!  


Ergänzend noch eine Liste mit leichter Orgelmusik für den Unterricht

Frühbarock:

Chr. Erbach, Canzonen (Merseburger)

G. Frescobaldi, 2. Buch der Toccaten (BA), nicht so einfach

H. L. Haßler, Canzonen (Merseburger), sehr empfehlenswert

H. Scheidemann, Präludien und Fugen (Kistner & Siegel), mit Ped.

 

Barock:

Ch. Avison, Concerti 2 Hefte (BA), wie Concerti grossi von Händel

J. Christoph Bach, 44 Choräle zum Präambulieren (BA), einfach

J. M. Bach, Orgelchoräle (Carus)

J. S. Bach, Neumeister-Choräle (BA)

ders., 8 kleine Präludien und Fugen, wohl nicht von JSB, aber ein Klassiker

ders., Orgelbüchlein, auch ein Klassiker, z. T. schwierig

W. Boyce, Voluntaries (McAfee)

J. Boyvin, Orgelwerke (Schott)

L. N. Clérambault, 1. Orgelbuch (Schott u.a.)

F. Couperin, Messe pour les couvents (Schott u.a.)

F. Dandrieu, Orgelwerke (Schott)

A. Estendorffer, Orgelwerke 2 Bde. (Coppenrath), süddt. Barockvariationen

J. K. F. Fischer, Ariadne Musica, Präludien und kleine Fugen

G. F. Händel, 6 Voluntaries (Schott)

G. F. Kauffmann, Harmonische Seelenlust (BA), Choralvorspiele, meist o. Ped.

J. K. Kerll, Modulatio Organica (Coppenrath), Versetten in Kirchentonarten

Gottlieb Muffat, 72 Versetl und 12 Toccaten (BA)

J. Pachelbel, Toccaten, Choralvorspiele und Partiten, mehrere Bde. (BA)

J. C. Simon, 14 leichte Präludien und Fugen (Schott)

Ch. J. Stanley, Voluntaries

J. G. Walther, Choralvorspiele (BA), viele o. Ped.

D. Zipoli, Orgelwerke (Süddt. Musikverlag)

 

Klassik:

C. Ph. E. Bach, Stücke für Flöten- und Harfenuhren (Zimmermann)

J. Chr. Kittel, 50 Choralvorspiele (Möseler), z. T. nicht ganz leicht

A. Lucchesi, 10 Sonaten (Butz), kurz, ähnlich wie Scarlatti-Sonaten

F. X. Schnizer, 6 Sonaten (Carus), länger, o. Ped., aber etwas schwerer

J. Knecht, div. Orgelstücke

 

Romantik:

L. Boëllmann, Heures mystiques, mehrere Bde. (Kalmus), Harmoniumstücke zur Messe

A. Bruckner, Orgelwerke (Doblinger), leicht, klingt aber nicht unbedingt nach Bruckner

A. Chauvet, Noëls (Harmonia), frz. Weihnachtslieder mit Var.

Th. Dubois, 7 Pieces (Kalmus)

C. Franck, Lorganiste (Kalmus), Harmoniumstücke zur Messe

S. Karg-Elert, 14 Interludes in various keys (Heinrichshofen)

C. Loewe, Choralvorspiele (Butz)

F. Mendelssohn Bartholdy, Sämtl. Orgelwerke 1 (BA)

G. Merkel, 6 Preludes op. 23 und Choralvorspiele op. 129 & 146 (Fentone)

C. Puitti, Choralvorspiele (Forberg)

J. Rheinberger, 6 kurze Stücke WoO 26 (Butz)

M. Reger, Choralvorspiele op. 135a (Schott), in heute übliche Tonarten transponiert

F. Silcher, Orgelwerke (pro organo)

 

20. Jahrhundert:

J. Alain, 2 Chorales (Combre)

Dom P. Benoit, 50 Elevationen, kurze impressionistische Stücke

J. Bender, 30 Coralvorspiele (BA), etwas spröde

H. Distler, Spielstücke für Kleinorgel (BA)

M. Drischner, Choralvorspiele für Dorforganisten (Schultheiss), sehr konservativ

M. Dupré, Le Tombeau de Titelouze (Gray), mit greg. Themen

ders., 79 Chorales (Gray), als Vorstufe zu Bachs Orgelbüchlein gedacht

H. U. Hielscher, Mosaik (Butz), recht romantisch

J. Langlais, Organ Book (Elkan-Vogel)

F. Peeters, 60 short pieces (Gray)

E. Pepping, Kleines Orgelbuch (Schott), Choralvorpsiele

H. Schröder, Kleine Präludien und Intermezzi Werk 9 (Schott)

G. Young, div. Sammlungen, Sonatina in classic style (Flammer)

 

Sammlungen:

Freie Orgelmusik des 19. Jh. z. gottesdienstl. Gebrauch 2 Bde. (Carus)

Einzug-Auszug (Strube), sehr schlichte Stilkopien

Präludien und Postludien der engl. Romantik (Butz)

Old English Organ Musik for Manuals, mehrere Bde. (OUP)

Vox humana, mehrere Bde., nach Ländern geordnet (BA)

Seasonal Choral Preludes 2 Bde. (OUP)

Freie Orgelstücke alter Meister 2 Bde. (BA), meist süddt. Präludien

80 Choralvorspiele (Peters)

Caecilia (B&H), romantische Stücke, z.T. ganz hübsch, mit angestaubtem Charme

Service Music for Manuals (Mayhew)

Choralvorspiele für den gottesdienstl. Gebrauch 4 Bde. (BA), empfehlenswert: 1. Bd.

im Butz-Verlag div. Themen-Bände zu Weihnachten, Fastenzeit, Marienfeste, Trauung und Begräbnis herausgegeben von W. Bretschneider